„Das starre System ist schon aufgebrochen“
KREIS ESSLINGEN: Rektoren der Rohräcker-Sonderschulen sehen sich als Beratungszentrum - Sie setzen auf mehr Außenklassen - „Regelschule muss sich öffnen“
Über die Rolle der Sonderschulen wird im ganzen Land diskutiert. Mitten in dieser Debatte bereitet man sich am Rohräckerzentrum
auf dem Esslinger Zollberg auf Erweiterung und Sanierung vor. „Die 46 Millionen Euro sind gut angelegt“, sagt Rektor Wolfgang
Eiberger, Sprecher der fünf verschiedenen Sonderschulen, in die fast 700 Schüler gehen. Er und seine Kollegen sind überzeugt,
dass weiterhin ein Sonderschulzentrum benötigt wird, allerdings mit mehr Außenklassen an Regelschulen.
„Was nützt den Eltern, wenn ihr Kind in einer Gruppe aufgenommen wird, aber die spezielle Förderung nicht bekommt?“ Das ist für Rektor Eiberger die zentrale Position, um die Institution Sonderschule zu rechtfertigen. Er verweist auf ein „ausgetüfteltes System der Frühförderung und Beratung“. Man erfülle bereits die Vorstellungen eines Bildungs- und Beratungszentrums, von dem Ex-Minister Rau und seine Expertenrunde geredet haben.Schon im Kindergarten berate man die Eltern. Wenn dann ein Entwicklungsrückstand von eineinhalb Jahren festgestellt werde, stelle sich aber die Frage, ob dieses Kind in die gleiche Klasse soll wie Kinder, die bereits lesen können und für die das Gymnasium als Ziel auserkoren worden ist. Die Schere zwischen den notwendigen Unterrichtsangeboten halte ein Grundschullehrer nicht aus, ein zweiter Kollege müsse helfen. Eiberger, der die Förderschule leitet, empfiehlt den Eltern: „Lassen Sie Ihr Kind bei uns anfangen, in einer Gruppe mit maximal zehn Kindern.“Wenn die Eltern dennoch lieber auf die Regelschule wollen, hebe das Schulamt die Sonderschulpflicht auf. Neu sei künftig nur, dass die Formalien wegfallen. „Wir befinden uns schon in einer Umbruchsituation, das starre System ist aufgebrochen,“ sagt Eiberger. Geht das behinderte Kind auf die Grundschule, brauchen Kind und Schule Unterstützung. Für fast jede Schule im Raum Esslingen habe er eine „kleine Personalreserve“. Das Netzwerk, wie es der Expertenrat verlange, sei geknüpft. Allerdings bieten die Sonderpädagogen nur Beratung und Diagnose, keine sonderpädagogische Unterstützung im Unterricht. Dafür bräuchte man andere personelle Ressourcen.
„Der beste Förderort“
Die könne er für 20 Schulen rund um die Stadt Esslingen nicht aufbringen, sagt Eiberger. Mit Außenklassen wäre diese personelle Hürde leichter zu nehmen, glaubt Jürgen Dicke-Bonk, Leiter der Körperbehindertenschule. Kinder mit ausschließlich körperlicher Behinderung hat er seit Jahren nicht mehr auf seiner Schule. Weil das Stuttgarter Kultusministerium das ISEP-Modell - wenige Behinderte in einer Regelklasse - einstellt, wird der Trend zur Außenklassen gehen. Damit macht die Rohräckerschule in Nellingen und Uhingen bereits gute Erfahrungen. Wie viel Unterricht gemeinsam stattfinde und in welchen Fächern die behinderten Schüler getrennt unterrichtet werden, müsse man individuell festlegen, meint Dicke-Bonk. In der Regel werden mehr als 50 Prozent der Stunden gemeinsam unterrichtet. Außenklassen seien aber kein System zum Nulltarif, meint Eiberger, ein paar Lehrer mehr brauche man schon. Für schwerst mehrfach Behinderte bleibe das Sonderschulzentrum „der beste Förderort“.
Ulrich Mathes, Leiter der Schule für geistig Behinderte, sieht bei Außenklassen auch etliche Vorteile für Grundschüler ohne Behinderung. „Sonderpädagogen bringen eine neue Qualität in den Unterricht, er wird konkreter, handlungsorientierter.“ Das Team-Teaching eröffne Grund- und Sonderschullehrern neue Möglichkeiten.
Ausgrenzung im Normalsystem
Mathes und seine Kollegen glauben, dass sich der Prozentanteil von körper- und geistigbehinderten Schülern, die in Außenklassen gut aufgehoben sind, im einstelligen Bereich bewegen wird. Mathes: „Das sind nicht die stillen Kinder, sondern sie werden oft als störend wahrgenommen und im Normalsystem schnell ausgegrenzt.“ Bislang sei das Interesse von Eltern behinderter Kinder an Außenklassen begrenzt. 2009 habe man Werbung machen müssen, berichtet Dicke-Bonk.
Rektor Martin Schutz sieht an seiner Sprachheilschule das ambulante Konzept schon verwirklicht. Die Betreuung beginne im Kindergarten. Seine Pädagogen unterstützen etwa 1000 Kinder ambulant. Dagegen würden jährlich nur 60 Kinder in die fünf Sprachheil-Klassen auf dem Zollberg und in Dettingen aufgenommen. Jedes Jahr schaffe ein Drittel den Sprung in die Regelschule, in der 5. Klasse sei noch eine Klasse übrig. Bestimmte Schüler brauchen seiner Ansicht nach den Schutzraum Sonderschule. Kinder mit Kieferspaltung seien sonst Mobbing ausgesetzt, in der Regelschule überforderte Kinder wären von Versagensängsten geplagt. Eltern trügen große Verantwortung, wenn sie ihr Kind entgegen des Gutachtens auf die Regelschule schicken. Das Problem, da sind sich die Rektoren einig, hänge nicht an den Sonderpädagogen. Mathes: „Das Regelsystem muss sich öffnen.“
Die Fraktionen der SPD im Esslinger Gemeinderat und im Kreistag laden zu einem Fachgespräch „Integration und Inklusion - (wie) geht das?“ ein. Sie findet morgen abend um 19 Uhr in der Rohräckerschule statt.


